Wirkstoff

L-Lysin: was die Aminosäure kann – und was beim Thema Lippenherpes belegt ist

Lysin ist eine lebensnotwendige Aminosäure, die mit eiweißreichen Lebensmitteln reichlich aufgenommen wird. Als Einzelpräparat wird es vor allem im Zusammenhang mit Lippenherpes verkauft. Eine zugelassene Gesundheitsangabe gibt es nicht, und ein Cochrane-Review fand keinen Beleg für eine Wirksamkeit. Wer genug Eiweiß isst, braucht kein zusätzliches Lysin; für Menschen mit bestimmten Stoffwechselerkrankungen und Nierenproblemen ist es ungeeignet.

4 Min. Lesezeit Aktualisiert 7. Okt. 2026
Evidenzgrad
Nicht bewertet
Übliche Tagesdosis
nicht etabliert
Vergleiche
0
Verknüpfte Gesundheitsziele
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01 · Übersicht

Worum es geht

L-Lysin ist eine der Aminosäuren, die der Körper nicht selbst bilden kann und die deshalb mit der Nahrung aufgenommen werden müssen (BfR/Mikroco). Gute Quellen sind Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Eier und Hülsenfrüchte. Wer abwechslungsreich und ausreichend eiweißreich isst – auch vegetarisch –, ist mit allen Aminosäuren versorgt; einzelne Aminosäuren zusätzlich zu nehmen, nennt die Verbraucherzentrale „unnötig und teuer“ (Verbraucherzentrale).

Keine zugelassene Gesundheitsangabe: Die EFSA hat Anträge zu Lysin und Abwehr von Herpesviren, Cholesterin, Appetit, Eiweißaufbau, Knochen und Calciumaufnahme geprüft; keiner wurde zugelassen (EFSA 2011). Herpes ist eine Krankheit – Werbung mit Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten ist für Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich unzulässig (Verbraucherzentrale Baden-Württemberg).

02 · Dosierung

Wie viel, wann, womit

Kein zusätzlicher Bedarf: Lysin wird über Eiweiß aus der Nahrung gedeckt; eine eigene Zufuhrempfehlung für Lysin-Präparate gibt es nicht.

Obergrenze: EFSA und BfR haben keine Höchstmenge festgelegt. Eine systematische Auswertung von 71 Studien fand vor allem Magen-Darm-Beschwerden und leitete vorläufig 6 g pro Tag als Menge ohne beobachtete Nebenwirkungen für gesunde Erwachsene ab (Hayamizu et al. 2020). Die Vorarbeit dazu wurde von einem Verband der Aminosäure-Hersteller finanziert (Hayamizu et al. 2019); ein amtlicher Grenzwert ist das nicht.

In Studien zu Lippenherpes wurden 1 bis 3 g pro Tag eingesetzt.

Etikett prüfen: Meist enthalten Präparate L-Lysin-Hydrochlorid, das zu etwa 80 % aus Lysin besteht – 1.000 mg Lysin-HCl liefern also rund 800 mg Lysin.

03 · Formen

Die Form zählt, nicht nur die Dosis

L-Lysin-Hydrochlorid (L-Lysin-HCl) ist die übliche Form in Kapseln und Tabletten.

Kombipräparate enthalten oft zusätzlich Zink, Vitamin C oder Melisse. Zugelassene Aussagen, etwa zur Funktion des Immunsystems, gelten dann für Zink oder Vitamin C, nicht für das Lysin.

Produktnamen, die auf Herpes anspielen, deuten einen Krankheitsbezug an, der für Lebensmittel nicht erlaubt ist.

04 · Evidenz

Was die Studienlage wirklich zeigt

Lippenherpes: Ein Cochrane-Review zur Vorbeugung von Lippenherpes fand nur eine geeignete Lysin-Studie mit 26 Teilnehmenden und keinen Beleg für eine Wirksamkeit (Chi et al. 2015). Ältere kleine Studien aus den 1980er-Jahren kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen: In einer Studie mit 52 Teilnehmenden traten unter 3 g pro Tag über sechs Monate weniger Ausbrüche auf (Griffith et al. 1987), andere fanden keinen Unterschied zu Placebo. Wer häufig Lippenherpes hat, bespricht das mit Arzt, Ärztin oder Apotheke.

Stress und Angst: Die Studien dazu sind klein, wurden fast alle von einem Aminosäure-Hersteller finanziert und testeten Lysin nur zusammen mit Arginin (Smriga et al. 2004). Ein Effekt von Lysin allein ist nicht belegt.

Nicht belegt sind eine „Stärkung“ des Immunsystems, Effekte auf Cholesterin, Knochen oder Muskelaufbau sowie eine bessere Calciumaufnahme mit gesundheitlichem Nutzen.

05 · Sicherheit

Wechselwirkungen & Kontraindikationen

Nebenwirkungen: Vor allem Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall (Hayamizu et al. 2020). Große Mengen einzelner Aminosäuren können die Calciumausscheidung über den Urin erhöhen und die Aufnahme anderer Aminosäuren behindern; Wechselwirkungen mit Medikamenten sind möglich (Verbraucherzentrale).

Nieren: In einem Fallbericht entwickelte eine Frau nach Lysin-Einnahme eine schwere Nierenschädigung bis zum chronischen Nierenversagen (Lo et al. 1996). Ein Einzelfall beweist keinen Zusammenhang; wer eine Nierenerkrankung hat, nimmt Lysin trotzdem nur nach ärztlicher Rücksprache.

Nicht geeignet für Menschen mit Stoffwechselerkrankungen, die eine lysinarme Diät erfordern, etwa Glutarazidurie Typ 1 oder Pyridoxin-abhängige Epilepsie (Boy et al. 2023; Coughlin et al. 2021).

Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder: Es gibt keine Sicherheitsdaten für hohe Dosen; die Bewertungen gelten für gesunde Erwachsene.

06 · Produkte vergleichen

Top-Empfehlungen für L-Lysin

Für L-Lysin liegen noch keine Vergleichsgruppen vor. Sobald genügend Produkte im Katalog sind, ergänzen wir neue Vergleichsgruppen.

Zusammenfassung

Fazit

L-Lysin ist lebensnotwendig, wird aber mit eiweißreicher Ernährung – auch vegetarisch – ausreichend aufgenommen. Als Einzelpräparat hat es keine zugelassene Gesundheitsangabe, und für Lippenherpes fand ein Cochrane-Review keinen Beleg für eine Wirksamkeit. Die oft genannte Obergrenze von 6 g pro Tag ist eine vorläufige, industriefinanzierte Abschätzung. Bei Nierenerkrankungen, angeborenen Stoffwechselstörungen, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern ist Lysin ungeeignet oder nur nach ärztlicher Rücksprache sinnvoll.

Fragen

Häufige Fragen

Hilft Lysin gegen Lippenherpes?

Das ist nicht belegt. Ein Cochrane-Review fand keinen Beleg für eine Wirksamkeit (Chi et al. 2015); ältere kleine Studien sind widersprüchlich. Eine zugelassene Gesundheitsangabe gibt es nicht.

Wie viel Lysin pro Tag ist unbedenklich?

Eine amtliche Obergrenze gibt es nicht. Eine industriefinanzierte Auswertung leitete vorläufig 6 g pro Tag für gesunde Erwachsene ab (Hayamizu et al. 2020); Studien nutzten meist 1 bis 3 g.

Brauchen Vegetarier zusätzliches Lysin?

In der Regel nicht. Hülsenfrüchte, Milchprodukte und Eier liefern ausreichend Lysin, wenn genug Eiweiß gegessen wird (Verbraucherzentrale).

Was ist der Unterschied zwischen Lysin und Lysin-HCl?

Lysin-Hydrochlorid ist die Salzform in den meisten Präparaten und besteht zu etwa 80 % aus Lysin. 1.000 mg Lysin-HCl liefern rund 800 mg Lysin.

Wer sollte kein Lysin nehmen?

Menschen mit Stoffwechselerkrankungen, die eine lysinarme Diät erfordern, und Menschen mit Nierenerkrankungen nur nach ärztlicher Rücksprache (Lo et al. 1996). Für Schwangere, Stillende und Kinder fehlen Sicherheitsdaten.

Quellen

  1. Aminosäuren — Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Mikroco-Wissen, 2023
  2. Extraportion Aminosäuren – überflüssig im Freizeitsport — Verbraucherzentrale, 2026
  3. Unzulässige Werbung für Nahrungsergänzungsmittel (LG Mannheim, 25 O 78/21) — Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, 2022
  4. Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to L-lysine (ID 453, 454, 609, 610, 663, 1612, 1915, 4669) — EFSA Journal, 2011
  5. Interventions for prevention of herpes simplex labialis (cold sores on the lips) — Cochrane Database Syst Rev (Chi et al.), 2015
  6. Success of L-lysine therapy in frequently recurrent herpes simplex infection. Treatment and prophylaxis — Dermatologica (Griffith et al.), 1987
  7. Safety assessment of L-lysine oral intake: a systematic review — Amino Acids (Hayamizu et al.), 2019
  8. Comprehensive Safety Assessment of l-Lysine Supplementation from Clinical Studies: A Systematic Review — J Nutr (Hayamizu et al.), 2020
  9. Lysine fortification reduces anxiety and lessens stress in family members in economically weak communities in Northwest Syria — Proc Natl Acad Sci U S A (Smriga et al.), 2004
  10. Fanconi's syndrome and tubulointerstitial nephritis in association with L-lysine ingestion — Am J Kidney Dis (Lo et al.), 1996
  11. Recommendations for diagnosing and managing individuals with glutaric aciduria type 1: Third revision — J Inherit Metab Dis (Boy et al.), 2023
  12. Consensus guidelines for the diagnosis and management of pyridoxine-dependent epilepsy due to α-aminoadipic semialdehyde dehydrogenase deficiency — J Inherit Metab Dis (Coughlin et al.), 2021